Von Fabian Wölfling

Halle (Saale) – Die Tage in Ebenthal bei Klagenfurt sind gerade gefüllt mit vielen kleinen Aufgaben. Da ist der Schulstoff, den Ben (12) und Zoe (10) erledigen sollen, während der reguläre Unterricht außerplanmäßig ruht. Ryan Foster überwacht, versucht zu helfen. In der Küche seines Heims steht der Austro-Kanadier oft, kocht für die Familie, zu der auch Frau Barbara gehört. Und manchmal ist er jetzt sogar Trainer in der Praxis. Er feuert Schüsse auf Sohn Ben ab, der wie der Vater, einst ein erfolgreicher Angreifer, Eishockey liebt. Allerdings steht Foster Junior im Tor.

Natürlich wandern die Gedanken von Ryan Foster bei all den Aufgaben aber auch immer wieder über die gerade ziemlich undurchlässige Staatsgrenze hinweg nach Halle. Dorthin, wo er als Trainer des Eishockey-Oberligisten Saale Bulls sein Geld verdient. Direkt vor den Playoffs, der spannendsten und lukrativsten Zeit einer jeden Saison, hat das Coronavirus den Sport Mitte März abrupt gestoppt. „Das war schon sehr enttäuschend“, sagt Foster. „Aber ich hatte jetzt zwei Monate, um das zu verarbeiten.“

Saale Bulls: Kader soll jünger und schneller werden

Inzwischen geht der Blick nach vorn. In die derzeit noch sehr ungewisse Zukunft. Neben den vielen kleinen Aufgaben nimmt sich Foster immer wieder Zeit für Schreibtischarbeit, überlegt, wie es mit den Saale Bulls sportlich vorangehen kann. Laptop, Block und Stift, damit arbeitet der Eishockey-Coach gerade fernab des Eises.

„Ich habe in den ersten Wochen viel reflektiert, was in der Saison passiert ist“, sagt Foster. Einige Höhen und deutlich mehr Tiefen erlebten die Saale Bulls, schafften mit ihrem hochkarätigen Kader als Hauptrunden-Siebter nur über den Umweg Pre-Playoffs den Einzug in die dann nie ausgespielten Playoffs. „Enttäuschend“ und „unter den Erwartungen“, urteilt Fosters über die Saison.

Aus der er seine Schlüsse für die kommende Serie gezogen hat. „Wir brauchen neue Gesichter in der Mannschaft“, sagt Foster. Zwar war das Team der vergangenen Saison so namhaft und auch teuer wie nie in der Klubhistorie. Auf dem Eis rief es aber äußerst unbeständig Leistung ab.

Saale Bulls investieren mehr in die Breite des Kaders

Vor allem in der Verteidigung waren die Bulls in der vergangenen Spielzeit zu schwach aufgestellt gewesen. „Da hat uns das Tempo gefehlt“, urteilt der Trainer. 3,5 Treffer kassierte der einzige Eishockey-Profiklub Sachsen-Anhalts pro Spiel. Hier müssen vor allem Veränderungen her. Aber der Kader soll insgesamt jünger und schneller werden. „Das ist das Ziel“, sagt Foster. „Meine Spielphilosophie baut darauf auf.“ Der 45-Jährige liebt schnelles Eishockey, mit aggressivem Forechecking. So wie es in Nordamerika gespielt wird.

Damit das gelingt, soll das Team auch über vier Reihen verfügen. Diese Breite im Kader, die es ermöglicht das Tempo im Spiel hochzuhalten und Verletzungen zu kompensieren, war schon in der vergangenen Saison das Ziel der Bulls. Da sollte sie durch die Kooperation mit DEL-Klub Wolfsburg gelingen. Die funktionierte aber nicht, die Niedersachsen stellten keine Spieler ab.

Nun wollten die Bulls die Quantität aus eigener Kraft schaffen. 14 Spieler hat der Klub bereits für die kommende Saison unter Vertrag. Der Verbleib von Goalie Sebastian Albrecht, er hat einen Zwei-Jahres-Vertrag, Verteidiger Eric Wunderlich und Angreifer Sergej Stas ist bereits bekannt.

Saale Bulls: Davide Vinci kommt fest von den Harzer Falken

Dazu kam am Dienstag mit Davide Vinci ein erster halber Zugang. Er lief in der vergangenen Saison, ausgestattet mit einer Förderlizenz von Regionalligist Harzer Falken aus Braunlage, bereits in 22 Spielen für die Bulls auf. Mit Verteidiger Vojtech Suchomer (Hamburg) und Goalie Michel Weidekamp (Selb) stehen auch die ersten Abgänge fest.

Weitere Kadernachrichten will der Klub, wie in den vergangenen Jahren üblich, im Wochenrhythmus bekanntgeben. Der Verhandlungs- und Transferstopp, den die Oberliga-Klubs Ende März vereinbart hatten, damit alle ihre Finanzlage ordnen können, endete am 1. Mai. Nun führen die Bulls wieder Vertragsgespräche.

Allerdings stellt die Corona-Krise den Mitteldeutschen Eishockey-Club bei der Kaderplanung nun vor Probleme. Sämtliche der 14 schon geschlossenen Spielverträge wurden vor der Pandemie vereinbart. Mit entsprechenden unangepassten finanziellen Konditionen. Wegen der Krise fallen aber Sponsorengelder weg, die Bulls müssen daher nun sparen.

Nick Miglio und Chris Francis wohl ohne Zukunft bei den Saale Bulls

„Ich rechne mit einem um 20 bis 25 Prozent kleineren Budget“, sagt Präsident Daniel Mischner. In der Konsequenz bleibt für weitere Verpflichtungen nicht mehr viel Geld. „Aber wir können natürlich trotzdem nicht mit 14 Mann in die Saison gehen, da verheizen wir die Spieler.“ 20 Profis wären sogar nötig, um vier Reihen (je drei Angreifer und zwei Verteidiger) aufbieten zu können.

Die notwendigen Einsparungen werden die Bulls daher vor allem auf den beiden Ausländer-Positionen vornehmen. „Hier können wir nicht mehr so viel Geld ausgeben“, sagt Mischner. Was eine Rückkehr der US-Amerikaner Chris Francis und Nick Miglio unwahrscheinlich macht.

Ryan Foster und Kai Schmitz stimmen sich bei Kaderplanung der Saale Bulls ab

Weshalb Coach Foster gerade auch als Scout arbeitet. Er sichtet Videosequenzen, hört sich bei befreundeten Trainern nach Tipps zu nordamerikanischen Spielern um, die seine Vorstellungen erfüllen und bezahlbar sind. Alles in Abstimmung mit Kai Schmitz. Der ehemalige Kapitän ist nun Sportlicher Leiter der Bulls.

Beim Austausch zwischen Trainer und Neu-Manager war auch der mögliche Saisonstart Thema. Eigentlich hatte Foster den 17. August als Trainingsstart vorgesehen, auch schon ein Vorbereitungslager und Freundschaftsspiele organisiert. „Das war aber für den Fall, dass die Saison am 21. September losgeht“, sagt er. „Das kann ich mir nicht mehr vorstellen.“ Auch hier muss also umgeplant werden. Noch so eine von vielen kleinen Aufgaben. (mz, 06.05.2020)

››Die Bulls haben am Montag den Dauerkartenverkauf für die Saison 2020/21 gestartet